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Das Osmanische Reich
Eine funktionale Einführung
Uwe Becker
1.0. Einleitung
Die vorliegende Arbeit resultiert aus dem Bemühen, in relativ kurzer Zeit einem nichtwissenschaftlichen Zuhörerkreis, eine Über- sicht über das “Osmanische Reich” zu geben. Gerade weil diese Vorgaben eine
Fokusion auf zentrale Strukturen erfordert erscheint es notwendig, die geschichtlichen Prozesse in überschaubare Einheiten zu zergliedern. Leider gibt es für das ”Osman- ische Reich” keine einheitliche und
verbindliche Periodisierung oder in der Hauptsache nur solche, die sich an genealogische Daten der Herrscher orientieren. Deshalb war ich gezwungen eine solche Periodisierung vorzunehmen, die in ihrer Grundintension
auf die Gliederung von Josef Matuz[1] zurückgreift, obwohl dort keine ausdrückliche Gliederung beabsichtigt wurde. Die Arbeit versucht wesentliche Elemente, welche das System (damit sind gesellschaftliche
Organisationen gemeint) charakterisiert, zu ordnen und funktional die Prozesse der Entwicklung anzureißen, was allerdings bei der heutigen Forschungslage nur sehr allge- mein und unvollständig erscheint.[2] Es
versteht sich von selbst, dass ein umfangreicher Anmerkungsapparat den Rahmen einer funktionalen kurzen Einführung sprengen würde. Hinzu tritt die Tatsache, dass Kenntnisse des Islam notwendig erscheinen um die
vielfältigen Auswirkungen und Verflechtungen der Religion in der osmanischen Geschichte zu verstehen und einzuordnen.[3]
Somit gliedert sich die Arbeit in jenen Teil der die Geschichte des Reiches in Perioden einteilt und deren Entwicklung kurz auf- zeigt und einen Teil, welcher wichtige und tragende Teilaspekte der Gesellschaft
skizziert. Trotz all den Fragezeichen und Kürze der Arbeit hoffe ich, eine Überblicksartige Aufnahme des “Osmanischen Reich” zu erreichen, und 600 Jahre türkische Geschichte in seinen Grundzügen darzustellen.
2.0. Der Versuch der Periodisierung
Grundlage einer Begrenzung von Perioden werden zwar oft an Ereignissen festgemacht in Form von konkreten Daten doch zeigen sie nur Erkennbar den Beginn oder das Ende von Prozessen. Damit sind Jahreszahlen
nur der Aufhänger zur geschicht- lichen Materialbewältigung und Einteilung zwecks der Überschaulichkeit. Wenn also bestimmte Strukturveränderungen z.B. politischer, militärischer, wirtschaftlicher oder kulturelle
Art, verdichtet Auftreten, wobei die einzelnen Prozesse unterchiedlich lang sind, dann kann von einer Änderung der Verhältnisse gesprochen werden.[4] Es stellt sich dabei heraus, dass unterschied- liche Standpunkte
bzw. Fragestellungen in Bezug auf die Wahrnehmung von Ereignissen zu unterschiedlichen Einteilungen gelangen können. Grundlage meiner Prozesse sind innen- wie außenpolitische Einschnitte welche als solche von den
Betroffenen wahr genommen werden oder sich dem historischen Betrachter als solche bei der nachträglichen Begutachtung ergeben. In Bezug auf das “Osmanische Reich” erscheinen mir folgende Ereignisse und Strukturen
zur Periodisierung brauchbar:
1. Militärische Ereignisse wie weitreichende Siege oder Niederlagen etc.
2. Vertragswerke die über die Stellung der Vertragspartner Auskunft geben z.B. Friedensverträge oder Wirtschaftsabkommen.
3. Reformatorische Bestrebungen die Mängel des Systems erkennen und Abhilfe zu versprechen suchen oder durch ihr Erscheinen Gegenkräfte aktivieren.
2.1. Vorgeschichte
Der Ursprung der Türken liegt im Gebiet zwischen Aralsee und westlichen Altaigebirge, wo sie im 6 Jh. erstmals Urkundlich erwähnt werden.[5] Die sprachliche Verwandtschaft besteht in der Hauptsache mit dem
Mongolischen und dem Mandschu- tungusischen. Innerhalb der heutigen Türken gibt es etwa 21 Verschiedenen türkische Sprachengruppen die über den gesamten asiatischen Kontinent verteilt sind. Der größte Teil der
verschieden Turkvölker z.B. Usbeken, Türkmenen, Kasachen, Kirgisen usw. leben in hauptsächlich drei Gebieten der Erde, nämlich in der heutigen Türkei, den ehemaligen Sowjetrepubliken der UdSSR und in der
Volksrepublik China. Unter den Turkvölker sind fast alle größeren Religionsbewegungen vertreten mit dem Hauptgewicht an Moslems.
Mit der Wanderung türkischer Stämme nach Westen begann im 10 Jh. die Islamisierung großer Teile der türkischen Stämme durch islamische Kaufleute und Derwische. Darunter befand sich ein Staatenverband (Oghusen)
welcher sich nach ihrem Führer (Selcuk) Seldschucken nannte und ab 1037 mit der Eroberung der östlichen islamischen Reiche begann.[6] Der weitere Zustrom von türkischen Stämmen führte zur Ausbreitung ins damalige
Byzantinische Reich.[7] Das Rum- Seldschuken Reich erlebte seinen Höhepunkt im 13 Jh.[8] und zerfiel nach dem Sieg der Mongolen in türkische Kleinemirate.[9] Durch die mongolischen Erober- ungen im 13 Jh. wurde eine
zweite türkische Einwanderungswelle ausgelöst die besonders in Anatolien zu spüren war. Einer dieser nomadischen Stämme siedelte im Gebiet um das heutige Eskisehir im nordwestlichen Teil der Türkei. Ihr Anführer
nannte sich Ertogrul und hinterließ einen Sohn namens Osman. An dieser Stelle wollen wir die kurze Schilderung der Herkunft und Vorgeschichte abbrechen und die Bedingungen der Entstehung kurz skizzieren.
2.2. Die Vorbedingungen zur Expansion
Allgemein sind die Gründe sehr vielschichtig uns selbst in der Literatur noch nicht abschließend geklärt. Bei der Darstellung der osmanischen Eroberungen auf dem südlichen Balkan haben wir das Problem,
dass wir unterschiedliche Reiche und deren Geschichte hier nicht darstellen können sondern deren Vorhandensein nur nennen.
1. Das damalige Byzantinische Reich war innerlich vom Niedergang gezeichnet und in dauernde Kriege und Bürgerkriege verwickelt. Somit schied es als ernst zunehmender militärischer Gegner aus.
2. Die Byzantiner ihrerseits nahmen Türken als Söldner in ihre Armee oder Verbündeten sich mit einzelnen Emirate.
3.
Das christliche und kulturell ertragreiche Land war Angriffsziel der islamischen “Ghasis” so genannte Glaubenskrieger, die durch die Erwartung von Beute sich mehr und mehr den Osmanen bei ihren Streifzügen anschlossen.
4.
Die Glaubenskämpfer wandelten sich durch den Erwerb von Beute vom Nomaden zum Berufskämpfer, der nicht in Kon- kurrenz zu den Ackerbau treibenden griechischen Bauern trat. Was dazu führte, dass gerade das eroberte Gebiet und dessen Verwaltungsstrukturen nicht zerstört wurden sondern zur Bereicherung diente.[10]
5. Die slawischen Reiche des Südbalkans Bulgarien und Serbien wahren ebenfalls wie Byzanz in innere Konflikte verstrickt und durch diese permanenten Streitigkeiten langfristig geschwächt.
Wir können zusammenfassend Feststellen, dass unterschiedliche Prozesse sich zu einer gesamt Krise in diesem Raum verdichte- ten und somit den Eroberungen durch die Osmanen den Boden bereitete, was für eine so rasche
Expansion wohl erforderlich scheint.[11]
2.3. Gründung - Aufbau (1299 - 1402)
Osman (1281-1326 Gründer und Namensgeber der Dynastie) übernahm 1281 vermutlich die Stammesherrschaft. Es gibt kein Ereignis, an welchem wir sagen könnten, dass hier die Gründung des Staates erfolgte. Das
Jahr 1299 ist rein willkürlich, zeigt aber dass die Gründung um die Jahrhundertwende stattgefunden haben muß. Ein eigentlicher Staat entstand erst langsam unter seinem Sohn Orhan (1326-1360), welcher 1326 Bursa
erobert und die dort vorgefundene Verwaltung übernahm. 1357 wird Gallipoli von den Osmanen besetzt und gleichzeitig der erste Brückenkopf auf europäischen Boden. Sein Nachfolger Murad I (1360-1389) eroberte 1361
Adrianopel, was somit Hauptstadt wurde. Nach weiteren Siegen im Südbalkan wurde dieser Osmanisch.[12] Kurze Zeit später wurden die westanatolischen Emirate eingegliedert und es kam zum Konflikt mit Timur Lenk.[13]
Dieser endet mit der Niederlage der Osmanen 1402 bei Ankara (Bayezit I 1389-1402) und führte zum Bürgerkrieg der Thronanwärter.
2.4. Bürgerkrieg (1402 - 1413)
Zeitlich gesehen währe diese Phase eigentlich nicht erwähnenswert, wenn nicht durch sie fundamentale Gegensätze in der osmanischen Gesellschaft erkennbar wurden. Die mit der Eroberung des Südbalkans beginnende
Einwanderung von türkischen Nomaden führte unweigerlich zur Konfrontation mit den dort ansässigen immer noch christlichen Bauern. Gleichzeitig brachen Spannungen zwischen türkische Soldaten und Siedlern auf, die
noch im Ghasitum verwurzelt waren, während die neueren militärischen Gattungen z.B. die Janitscharen, die auf dem Balkan lebenden Spahis, immer mehr in verantwortliche Stellungen eindrangen. Abschließend sei noch
auf die unterschiedlichen Ausprägungen der Ulema hinzuweisen. Die höhere staatstragende Ulema zeigte sich sunnitisch orthodox und loyal zum aufstrebenden Verwaltungsapparat des Herrscherhauses die niedrige Ulema,
insbesondere Derwische, standen ehr den traditionellen türkischen Nomaden und Ghasikriegern nahe. Kurz die neueren militär- ischen Kräfte entschieden den Kampf zu Ungunsten der alten türkischen Schichten.[14] Oder
anders Ausgedrückt “ ... auch das Ghasitum und die religiöse Heterodoxie hörten auf, für die Osmanen staatstragende Prinzipien zu sein.[15] Es zeigte sich aber nach 1453, dass die alte türkische traditionelle
“Oberschicht” bis dahin immer noch vorhanden war und erst endgültig mit der Ausmerzung unter Mehmed II als wichtiger politischer Machtfaktor verschwand.
2.5. Einigung - Festigung - “Goldenes Zeitalter” (1413 - 1600)
Diese Phase kann auch als die “klassische” Phase der osmanischen Geschichte betrachtet werden, sie ist es letztendlich welche als Ideal in vielen Erklärungsmodellen zur osmanischen Gesellschaftsordnung als
Grundlage herangezogen wird.[16]
Nachdem die innere Beruhigung eingesetzt hatte gingen die Eroberungen weiter. Ein letztes Kreuzfahrerheer wurde 1444 bei Varna vernichtet. Mit der Eroberung Konstantinopel am 29.05.1453 durch Mehmet II (1451-1481)
endete nicht nur das Byzantinische Reich und damit einer der letzten christlichen Enklaven im Mittelmeerraum, sondern die Osmanen setzten zur Erreichung einer Weltmachtstellung an. Das dadurch gewonnen Prestige
nutzte nun MehmetII, um endgültig die inneren Feinde (türkische Stammesaristokaten) zu eliminieren und endscheitende Neuerungen in der Staatsführung und Landverteilung, vorzu- nehmen. Unter seinem Nachfolger Bayezit
II (1481-1512) festigte sich das Reich und begann mit der Expansion in den arabisch- en Raum. 1516/17 eroberte Selim I (1512-1520) Syrien, Nord-Mesopotanien, Ägypten und die Heiligen Städten des Hedjas Medina und
Mekka. Gleichzeitig war es das Ende des Mamlukenstaates in Ägypten und bedeutete die Übernahme des Kalifen- titels von eben diesen.
Mit Süleyman I (1520-1566) änderte sich die Richtung der Expansion nach Westen wo er 1521 die Grenzfestung Belgrad eroberte. Nach der Vernichtung des ungarischen Heeres bei Mohac 1526, wobei nicht nur der letzte König starb sondern mit ihm ein großer Teil des ungarischen Adels, wurde das Haus Habsburg direkter Thronerbe und somit zum Gegner der Osmanen, die schon 1529 vor Wien standen, aber ohne Erfolg das Unternehmen abbrechen mussten. Zentralungarn wurde im Jahre 1547 zur osmanischen Provinz. Zusätzlich gelang es Süleyman I die nordafrikanischen Staaten in seine Herrschaft einzugliedern, damit begann der Aufbau einer der damals schlagkräftigsten Flotten des Mittelmeers. In dieser Zeit erreichte das Reich seinen militär- ischen und kulturellen Höhepunkt, doch die Anzeichen und Weichen der Stagnationen waren bereits in den späten Jahren der Herrschaft Sultans Süleyman I spürbar.
2.7. Niederlagen und Zerfall (1683 - 1774/98)
Mit der Niederlage vor Wien beginnt der Territorialverlust im Westen im Friedensvertrag von Kalowitz 1699. Zusätzlich zu den Auseinandersetzungen mit Habsburg begannen die bis ins 20 Jh. reichenden
Abwehrkämpfe mit Russland. Zwar erlangte das Reich kulturell in der “Tulpenperiode” Anfang des 18 Jh. noch einmal eine Hochphase, muss aber 1771 den ersten Staatsbank- rott hinnehmen. Der nachfolgende Krieg mit
Russland und der sich anschließende Friede von Kücük Kaynarca 1774 stürzt das Reich nicht nur auf die Stufe einer Regionalmacht zurück, sondern es wurde zur Aufgabe der nominellen Kontrolle über die christlichen
Untertanen gedrängt. Damit begann die innenpolitische Einmischung der Großmächte im 18 Jh.. Doch spätestens mit dem Angriff der Franzosen in Ägypten 1789 und der nachfolgenden Konfrontation der Osmanen mit dem
europäischen Gedank- engut, insbesondere mit dem Begriff des “Nationalismus”, befand sich das Reich wiederum an einem dramatischen Wendepunkt seiner Geschichte.
2.8. Reformen und Auflösung (1774/98 - 1923)
In der Tat begann mit der französischen Expedition nach Ägypten nicht nur eine neue Periode der osmanischen Geschichte, sondern es ist gleichzeitig der Einbruch der Neuzeit in den arabisch- islamischen Raum. Die
andauernden militärischen Nieder- lagen zwingen zu Reformen, die aber zuerst am Wiederstand religiös-konservativer Kräfte scheiterten.[18] Spätesten 1826, nach der Zerschlagung der Janitscharen durch Mahmut II
(1808-1839), begannen die militärischen und zivilen Reformen.[19] Ab 1839 spricht man von der so genannten Reformenära (Tanzimat),[20] sie ist gleichzeitig der Beginn der Suche nach einer neuen imperialen
Legitimität.[21] Die innere Schwächung und der erwachende Nationalismus der christlichen Minderheiten, führten im weiteren der osmanischen Geschichte zu Aufständen, Terrorakten und Unabhängigkeitskriegen vor allem
auf dem Balkan. Hinzu kam der erneute Staatsbankrott von 1875 und die Übernahme der Finanz- verwaltung durch die Großmächte. Innenpolitisch erfolgte 1876 die Auflösung des Parlamentes durch Abdul Hamid II (1876-1909
und das Entstehen eines “Spitzelstaates” was wiederum zur Gegenrevolution von 1908 führte.[22] Der sechs Jahre spätere Eintritt des Reiches in den ersten Weltkrieg,[23] auf Seiten der Mittelmächte, führte
unweigerlich zum Zusammenbruch des Osmanischen Reiches. Der daraufhin erfolgte Diktats- frieden von Sevres[24] beschleunigte den beginnenden Unabhängigkeitskrieg und führte zur Ausrufung der “Türkischen Republik” am
29.10.1923 und zum Frieden von Lausanne am 24.07.1923
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