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Die osmanische Armee
1. Nomaden und Ghasikämpfer
Mit der Ansiedlung von turkmenischen Stämmen im westlichen Anatolien im 12. und 13. Jahrhundert an der Grenze zu Byzanz, entwickelte sich ein Kleinkrieg lokaler byzantinischer Grundherren gegen turkmenische
Stammeskrieger. Dabei spielte das Territorium der Osmanen eine strategisch günstige Position, weil es direkt an byzantinisches Gebiet grenze. Dies Tatsache förderte den Zustrom turkmenischer Stammeskrieger im Kampf
gegen ungläubige Christen und um weltlichen Besitz. Diese Kämpfer (Ghazi), deren Gefolgschaft sich Osman I für sein Herrschaftsgebiet geschickt nutzt, kämpften nach einfachen aber erfolgreichen Regeln. Man
verwüstete die Felder der Byzantiner, belagerte die befestigten Städte und schnitt sie vom Nachschub ab. Somit vielen die ersten Städte wie Inegöl, Bilecik und Yenisehir in die Hände von Osman I. (1299-1324) Diese
lokalen Erfolge zogen auch konvertierte christliche Soldaten an, die als “Fremdlinge” (Garib) in die Truppenaufstellung als selbständiger Truppenteil eingegliedert wurden. Die damit erneuten Eroberungen von
Bursa (1326) und Iznik (1333) bildeten nun den organisatorischen Anfang eines neu ge- gliederten Staatswesen und Verwaltung die nun gleichsam gezwungen war Ihre Armee neu aufzustellen. Zum einen wurden die beritten
Truppen in sogenannte (Akinci) und (Delis) also leichtausgerüstete und grenznah operierende Einheiten geliedert. Gleichzeitig wurden die berittenen Kerntruppen, soweit sie Stammeskrieger waren, mit
Militärpfründen bezahlt (Sipahi) soweit sie aus den eroberten Gebieten kamen nannte man sie (Müsellem). Auf der anderen Seite entstanden erstmals Infantrieeinheiten (Yaya). Wir sehen damit schon
eine massgebliche Gliederung in ursprünglich turkmenische Truppenteile und in Truppenteile aus konvertierten (Renegaten) oder immer noch christlichen Untertanen.
2. Stehendes Heer
Mit Murad I wurden die bestehenden Einheiten weiter organisierten und eine neue Truppen- einheit, die sogenannten “Janitscharen” (
Yeni Ceri), geschaffen. Dieser Truppenteil bestand aus christlichen Sklaven die sich aus der Beute und später als Abgaben rekrutierte. Dieser in späterer Zeit bedeutende Truppenteil unterstand allein dem
Sultan und wurde erstmals als stehende Einheit, die jederzeit Einsatzbereit war, eingerichtet. Murad I (1362-1389) ordnete seine Einheiten durch Gesetz (Kanun), darin wurde die Bezahlung entweder durch Geld
bzw. Beute oder durch Militärpfründe festgelegt. Damit erfolgte die Teilung der osmanische Kernarmee in sogenannte Provinztruppen (vorwiegend Militärpfründe) und Pfortenunmittelbare Truppen (Kapikulu)
(vorwiegend Besoldet). In den nachfolgenden Jahren wuchsen vor allem die Truppenteile der Janitscharen und die der Sipahi ausgebaut und damit überwältigende Erfolge in den osmanischen Feldzügen errungen.
3. Neuerungen und Artillerie
Diese bisherige Truppengliederung überlebte den osmanischen Bürgerkrieg (1402 - 1413) und ging sogar gestärkt aus diesem hervor. Diese Stärke resultierte in der Innovations- freudigkeit der Osmanen auf dem Gebiet der
Militärtechnik, insbesondere durch die schrittweise Übernahme von Kanonen (Top) und Hakenbüchsen (Tüfenk) ab 1420 in die osmanische Armee. Dabei bedienten sich die Osmanen nicht eigenen Erfindungen sondern kauften
die Dienste deutscher, italienischer und ungarischer Kanonengießer und Büchsen- macher. Zuerst wurden die Festungen mit Kanonen ausgerüstet, dann rüstete man auch Feldgeschütze ein (erster grösserer Einsatz von
Belagerungsgeschützen bei der Belagerung von Konstantinopel 1453) und bewaffnete Teile der Janitscharen mit Büchsen. Gerade diese innovativen Techniken ermöglichten die grossen Siege unter Mehmed II und Selim I.
Gerade Selim I erkannte die Feuerkraft seiner Truppen in den Siegen gegen muslimische Gegner in Persien (Schlacht bei Caldiran 1514) und in Ägypten (Schlacht bei Mardsch Dabik 1516), die immer noch auf die
herkömmlichen Bewaffnungen vertrauten.
4. Das Goldene Zeitalter
Mit Selim I (1512-1520) erreichte die Mobilisierung der osmanischen Armee eine erste Stärke von 150.000 Tsd. Mann. Vergleicht man die Truppenstärke mit den kaiserlichen oder französischen Truppen bei der Schlacht von
Pavia 1525 so liegen diese im Bereich einer Kernmobilisierung von 20.000 bis 30.000 Tsd. Mann. Dies hohen Truppenstärke auf osmanischer Seite erforderte eine gut organisierte und vorgreifende Verwaltung zur Ver-
sorgung der Armee und zur Herrichtung der Marschstrassen. Dabei treffen wir auf die zu bewältigenden Distanzen der Anmarschgebiete und die damit unterschiedliche Kriegs- führung. Für die osmanische Verwaltung
stellten die militärischen Auseinandersetzungen mit Persien eine grosse Leistung an Proviantierung und Versorgung dar. Die Anmarschwege an die Ostgrenze betrugen bis Kars etwa 1.000 km ebenso wie Mosul, bis Täbiz
zirka 1.300 km ebenso wie Bagdad. Dazu kam der lange Landweg der nur durch Versorgung über das Schwarze Meer bedingt möglich war. Somit bildeten sich an der Ostgrenze strategisch wichtige Festungen die durch
zentrale Truppen belegt wurden. Lokale Grenztruppen spielten bei der kargen Struktur der Topographie nur eine untergeordnete Rolle im Falle der militärischen Auseinandersetzung. Auch die Einrichtung und Unterhaltung
der anatolischen Heerstrassen und ihre Proviantierung konnte nur im Spannungs- bzw. Kriegszustand aufrechterhalten werden. Ganz anders an der Westfront. Hier lagen die Entfernungen weit näher z.B. Belgrad mit zirka
600 km, Budapest mit zirka 850 km oder Wien mit etwa 1.000 km. Gleichsam war die Versorgung der osmanischen Armee auf dem westlichen Kriegs- schauplatz leichter. Erstens konnten die grossen Festungsanlagen Belgrad
und Buda als zentrale Sammelstellen der Proviantierung benutzt werden und zweitens lag die Hauptlast der Versorgung bei der Versorgungsflotte auf der Donau. Denn die Heeresstrasse führte von Istanbul, nach Edirne
über Sofia nach Belgrad und dann entlang der Donau bis Buda. Gleichfalls spielten die Grenztruppen an dieser Front eine ganz andere Rolle. Die reichen Provinzen ermöglichten den Provinzgouverneuern die Aufstellung
eigener Truppen die im Verteidigungsfall durch die zentral besoldeten Truppen schnell an Umfang zunahmen. Somit waren lokale Auseinandersetzungen permanent möglich. Die Basen dieser Truppen lag im nördlichen
ungarischen Festungsgürtel und unterstanden den Grenzgouverneueren. Auf christlich-habsburgischen Seite entstand ebenfalls ein defensiver Festungsgürtel mit lokalen Truppen der als “Militärgrenze”
bezeichnet wurden. Diese lokalen Gruppen unterstanden aber nicht habsburgischen Verwaltungsbeamten sondern lokalen Lehensträgern bzw. Familienclans, die im Bündnis mit dem Haus Habsburg standen. Natürlich erfolgten der Ausbau und die Versorgung nicht allein mit den Geldern der dort kommandierenden Potentaten, sondern speiste sich aus Geldern durch das Kaiserhaus oder durch Zahlungen von Baugeldern durch die Reichsfürsten insbesondere im 16. Jahrhundert. Diese doch ganz andere Organisation an der Grenze zum Deutschen Reich bietet auch den Hintergrund permanenter Kriegsführung an dieser hochgerüsteten Grenze, die wie z.B. in den “Langen Türkenkrieg” 1593 - 1606 führte. Damit spielte die Versorgungsleistung zwar eine tragende Rolle in der Aufrechterhaltung der westlichen Grenze, aber sie war nicht der entscheidende Punkt warum eine weitere Expansion im Westen nicht möglich wurde. Mit Süleyman I (1520 - 1566) erreichte die Differenzierung und Schlagkraft der osmanischen Armee ihren Höhepunkt.
5. Stillstand und Niedergang
Durch unterschiedliche wirtschaftliche und politische Ursachen änderte sich merklich die Organisation der osmanischen Armee. Zum einen verschob sich der Schwerpunkt der Bezahlung in Richtung Besoldung anstelle des
bisherigen Schwerpunktes der Militärpfründe. Gleichzeitig dadurch bedingt, erhöhte sich der bezahlte Anteil zentraler Truppen auch in der Zunahme von Infanterieeinheiten. Ebenso schwand die noch im 15. Jahrhundert
wichtige Innovationsfreudigkeit in der osmanischen Armee. Der Zukauf moderner europäischer Kanonen und Gewehre, so wie deren Herstellung erforderte höhere Ausgaben, die aber nicht durch eine Kompensation neu
erworbener Provinzen ausgeglichen werden konnte. Somit stieg die Ausgabenseite in der Versorgung der osmanischen Armee im 17. Jahr- hundert dramatisch an. Trotzdem sank die militärische Schlagkraft der Armee, nicht
nur weil der Ressourcenverbrauch den Staat anfing zu übersteigen sondern auch in der militär- technischen und politischen Änderungen, die sich in Westeuropa abzeichneten. Mit der durch die zweite Belagerung von Wien
1683 ausgelösten militärischen Auseinandersetzung zerbrach die überdehnte Versorgung und die damit verbundene Finanzierung. Zusammen mit der Erkenntnis eines nun zahlreichen und politisch wie militärisch veränderten
Gegner stürzte die osmanische Armee in eine bis dahin nicht gekannte Niederlage, die ihren ersten Tief- punkt im Verlust von Podolien und Ungarn im Frieden von Karlowitz 1699 fand. Aus der einstmals erfolgreichen
und moderen Armee entwickelte sich nach und nach eine rück- ständische und erfolglose Institution, die es nicht verstand durch Reformen sich aus dieser Lage zu befreien, sondern bis Anfang des 19. Jahrhunderts von
einer Niederlage zur Anderen taumelte.
6. Der Westen als Vorbild
Schon zum Ende des 17. Jahrhundert erkannte man im osmanischen Reich den Rückstand an Entwicklungen im Bereich militärischer Ausbildung, Strategie und Taktik sowie in der Militärtechnik. Gleichfalls sah man den
Schwerpunkt in der Militärtechnik nicht aber in der Bildung und Führung des Einzelnen und somit der Armee. Da die Einführung neuer Militär- technik durch christliche Renegaten als einfacher diagnostiziert wurde
mussten nur einige Ausbilder die osmanischen Soldaten und Offiziere unterweisen um die Schlagkraft der Armee zu heben. Diese Einstellung zur moderen Militärtechnik vernachlässigte die dahin- terstehen
wirtschaftlichen und politischen Bedingungen und konstruierten eine Sichtweise, die bis Heute im Nahen Osten anzutreffen ist. Zwar zeigte sich die osmanische Führung für militärtechnische Neuerungen offen und lud
europäische Ausbilder ein, die damit notwen- digen politischen Änderungen konnte oder wollten dabei nicht durchgeführt werden. Doch die Reformansätze scheiterten am Widerstand der Janitscharen und an den mit ihnen
Ver- bündeten theologisch geistlichen Kreisen die immer noch den Bereich der Bildung in den herkömmlichen Formen verteidigten. Neuerungen durch Großwesire oder Sultane wurden selbst mit Gewalt unterbunden und bis
zur militärischen Vernichtung eben dieser, vereitelt. Erst die physische Vernichtung der Janitscharen 1826 durch Mahmud II (1808-1839) öffnete die Armee für notwenige und dringende Reformen. Doch erstmals wurden die
neu geschaffenen Truppen im Krieg gegen Mehmed Ali bei Nisib 1832 vernichtend geschlagen. Das war der Tiefpunkt der osmanische Armee in der ein Jahr zuvor die kümmerlichen Reste des Timarsystems aufgehoben wurde und
nun eine ganz neue Organisation der Armee für die Zukunft notwendig erschien.
7. Reorganisation und Aufbau einer Modernen Armee.
Die Reorganisation der osmanischen Armee begann 1792 unter Sultan Selim III (1789 -1807) der ein eigenständiges Korps mit Namen Neue Ordnung (Nizam-i Cedid) unter Anleitung französischer Militärinstrukteure
nach europäischem Vorbild aufstellte. Diese Truppe zog sich aber den Zorn der Janitscharen zu und musste, obwohl sie nur eine Stäke von 20.000 Mann hatte, unter dem Druck 1807 aufgelöst werden. Die Konfrontation
bracht Selim III den Tod und warnte jeden Nachfolger, die Privilegien der Janitscharen anzurühren. Dennoch gelang es Sultan Mahmud II (1808 -1839) aus einem Janitschren- bataillon eine neue Truppe ( Eskinci)
am Vorbild der (Nizam-i Cedid) aufzubauen. Dadurch gelang es dem Sultan die Truppe von innen heraus zu unterwandern und als die verblieben- den Einheiten einen Aufstand anzettelten, auszulöschen. Die in Ihren
Karsernen geblieben Janitscharen wurden durch moderen Einheiten und unter Einsatz modernerer Artillerie vernichtet. Das Ereignis ging unter der Bezeichnung “Heilsamer Vorfall” (Vaka-i Hayriye) in die
Geschichtsschreibung ein. Sofort wurde der restliche Teil der Armee in eine neue Einheit ( nur für Muslime) umgebaut mit dem Namen “Siegreiche Mohammedanische Armee” (Asakir-i Mansure-yi Mohammediye). Die
Armee bestand nun aus einer neuen Kerntruppe von zirka 30.000 Mann die Zentral ausgebildet und besoldet wurden. Dennoch blieb diese Truppe aus Berufssoldaten nicht einsatzfähig, da eine Reservetruppe noch nicht
bestand. Erst 1834 wurde das preussische Landwehrsystem (Redife-Imansure Asakir-i) aufgebaut. Bereits im Jahre 1836 verfügte die osmanische Armee über eine geschätzte Anzahl von etwa 100.000 Soldaten die im
Kriegsfall aktiviert werden konnten. Die erste grosse Bewährungsprobe der neuen Armee fand im Krimkrieg (1853-1856) statt. Zwar verlor die osmanische Armee meist in den Gebieten wo sie ohne Unterstützung der
Alliierten kämpfte, dennoch sammelte die Armeeführung Erfahrung um die nächsten Erneuerungen in der Armee durchzuführen und vor allem die technische Ausstattung der Armee durch Artillerie und neuen Gewehren
voranzutreiben. 1869 wurde die Armee unter Hüseyin Avni Pascha in ein drei Stufen System umgebaut. 1. Stufe war das bestehende Heer regulärer Einheiten (Nizamiye
), die 2. Stufe bildetet die grosse Landwehrreserve (Redif) und die 3. Stufe stellten die Landsturmeinheiten (Müstahfiz) dar. Nach den neuen Regelungen im Jahre 1871 blieben die Grundlagen der
osmanischen Armee bis 1908 in Kraft. Um 1870 betrug die Anzahl der in Europa stationierten Einheiten zirka 200.000 Mann und in Asien zirka 120.000 Mann. 1877 brach der Russisch-Türkische Krieg 1877/78 aus. Nach
offiziellen osmanischen Dokumenten betrug die Truppenzahl rund 495.000 Mann, dennoch muss von einer tatsächlichen Stärke von 200.000 Linientruppen ausgegangen werden. Zum Ende des Krieges wurde die Armee mit neuen
britischen Repetier-Gewehren (Snider rifles)
ausgerüstet und Preussen begann mit dem systematischen Aufbau einer auf deut- schen Kruppgeschützen gestützten Artillerie. Innerhalb von 5 Jahren kaufte die osmanische Regierung mehr als 1.200 Geschütze in Deutschland und verlangte mehr und mehr deutsche Militärinstrukteure.
Mit dem Eintritt des Osmanischen Reichs in den Ersten Weltkrieg 1914 mobilisierte die osmanische Armee mehr als 600.000 Soldaten, ein Jahr später standen zirka 1.000.000 Mio. Soldaten (christliche Untertanen dienten
im Sanitätsbereich, Versorgung und in Arbeitstruppenteilen) unter dem Befehl der osmanischen Armee.
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